Die erfolgreichste Publikation der Schriftenreihe Nenzing über die Lebensgeschichte von Delphina Burtscher wird zu ihrem 100. Geburtstag von ihren Enkelinnen Lydia Arantes und Sarah Kühne weitererzählt und mit feinsinnigen Illustrationen von Anna Stemmer-Dworak ergänzt.
Delphinas Geschichte
Die Geschichte von Delphina Burtscher (1926-2008), ihrem Bruder Willi Burtscher (1922-1944) und ihrem Verlobten Martin Lorenz (1918-1944) ist mittlerweile über ihren regionalen Kontext hinaus bekannt. Willi und sein Bruder Leonhard kehrten nach einem Heimaturlaub zum Anlass des Todes ihrer Mutter nicht mehr an die Front zurück; Martin Lorenz schloss sich an. Delphina war von diesem Moment an für den Hof in Sonntag-Stein am Ende des Walsertales zuständig und half die Desertierten zu verköstigen und zu versorgen. Nach ca. einem Jahr des Versteckens sowie des Aufbaus einer kleinen österreich-patriotischen Widerstandsgruppe wurden sie im Sommer 1944 verraten. Leonhard konnte entwischen; Willi und Martin wurden im Oktober 1944 in Salzburg zum Tode verurteilt und am 8.12.1944 in der Justizanstalt Graz-Jakomini enthauptet.
Die Familie kam in “Sippenhaft”. Delphina, grad erst 18-jährig, war damals von Martin Lorenz schwanger. Nach der Geburt des Kindes im September 1944 durfte sie noch einige Monate beim Baby bleiben, wurde im März 1945 – nachdem sie zwei Mal versucht hatte, den Haftantritt hinauszuzögern – in Rothenfeld bei München inhaftiert, während das wenige Monate alte Baby bei der Mutter ihres hingerichteten Verlobten blieb.
Eine (über)regional relevante Geschichte
Als „vermutlich bekannteste[r] Vorarlberger Desertionsfall“[1] wird die Geschichte der sozial wie geographisch marginalisierten Familie Burtscher mittlerweile von Historiker:innen erforscht und zieht in der Fachwelt sowie Öffentlichkeit ihre Kreise. Bereits 1996 wurde eine Drehorgel-Sendung mit Delphina Burtscher im Radio ausgestrahlt. Dem folgte 2005 die von Thomas Gamon[2] erstveröffentlichte Lebensgeschichte[3] im Rahmen der Schriftenreihe der Marktgemeinde Nenzing.[4]
Mittlerweile ist sie eine der 100 Personen, die am Widerstandsmahnmal in Bregenz namentlich erwähnt werden. Im 2023 erschienenen Buch von Peter Pirker und Ingrid Böhler[5] spielt die Geschichte ihrer Familie samt des erst vor Kurzem aufgefundenen Reichskriegsgerichtsakts eine zentrale Rolle. Sie wird des Weiteren im Rahmen der im August 2024 eröffneten internationalen Wanderausstellung zum Reichskriegsgericht präsentiert, kuratiert von der Gedenkstätte ROTER OCHSE in Halle / Saale, welche in diversen europäischen Städten gezeigt wird (Warschau, Berlin, Oslo etc.).
Das „Omile“
Delphina ist die Großmutter von Lydia Maria Arantes und Sarah Kühne, den Initiatorinnen des Projekts. Delphina ist allen Widrigkeiten zum Trotz nicht im Leid steckengeblieben ist. Nicht an der Seite ihres späteren Mannes, der als junger Kriegsheimkehrer Zeit seines Lebens an seinen Kriegserfahrungen und den damit verbundenen tagtäglichen Albträumen litt. Auch nicht, als ihre noch junge Familie im Lawinenwinter 1954 alles verlor und woanders nochmals neu anfangen und sich ein neues Zuhause schaffen musste.
Die achtfache Mutter und 18-fache Großmutter, das „Omile“, war eine kleine, humorvolle Frau. Eine lebensfrohe Frau, die es – wie auch immer – geschafft hat, ein erfülltes Leben zu haben und mit ihrer Lebenslust und Zuversicht eine Art alltägliche Widerständigkeit lebte. Dass der Krieg in ihrem Leben nicht das letzte Wort hatte, zeigt sich auch in folgendem Zitat aus ihrem Büchlein, das der Familie immer wieder nützlich ist, wenn schwierige Zeiten zu bewältigen sind: „Das Gute haben wir genossen, das Schlechte überwunden.“
Graphic Novel – Delphinas Geschichte zeichnerisch erzählt
Lydia Maria Arantes und Sarah Kühne möchten das vielfältige Interesse an Omiles Geschichte aufgreifen und diese in Form einer Graphic Novel in die breitere Öffentlichkeit hinaustragen. Ihre „gezeichnete Geschichte“ verflechtet Delphinas Perspektive und mit der ihrer Enkelinnen und spannt so einen transgenerationalen Bogen in die Gegenwart. Sie lädt dazu ein, sich reflexiv mit der eigenen (Familien)Geschichte, mit fragmentierten Kriegserzählungen, mit diversen Facetten alltäglichen widerständigen Handelns auseinanderzusetzen. Sie regt dazu an, über Krieg, Mut und das Weitertragen von Erinnerung nachzudenken – inspirierend, beherzt, voller Menschlichkeit und Humor.
In enger Zusammenarbeit mit Vorarlberger Kunstschaffenden – Illustratorin Anna Stemmer-Dworak, Dramaturg Tobias Fend und Grafikerin Anuschka Fink – arbeiten Arantes und Kühne daran, durch Delphinas Geschichte auch jüngeren Menschen einen neuen Zugang zu Geschichte, nämlich als „erzählte“ Geschichte(n)“ zu verschaffen.[6] Das Buch erscheint im Sommer 2026 anlässlich von Delphinas 100. Geburtstag beim Residenz-Verlag in Salzburg (https://www.residenzverlag.com/buch/delphina) in der Schriftenreihe des Vorarlberg Museums.
Weitere Erzähl- und Vermittlungsformen
In Tandem mit der Graphic Novel wird eine Ausstellung zu Delphinas Geschichte und der familiären Erinnerung kuratiert, welche nach deren Laufzeit am vorarlberg museum (Eröffnung und Buchpräsentation am 17.07.2026) auch im Museum für Geschichte des Universalmuseums Joanneum in Graz sowie im Vorarlberger Oberland gezeigt werden soll.
Crowdfunding
Die über 200 handgefertigten Zeichnungen brauchen Zeit und Hingabe, weshalb die Umsetzung des Buches sehr kostspielig ist. Lydia Maria Arantes und Sarah Kühne konnten bereits viele Fördergeber überzeugen, dieses Vorhaben finanziell zu unterstützen, u.a.: Gemeinde Nenzing, Gemeinde Sonntag, Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt, Zukunftsfonds der Republik Österreich, Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus, AK Vorarlberg, vorarlberg museum. Dennoch klafft immer noch eine Finanzierungslücke. Gemeinsam mit Mit.Einander und Respekt.net wurde deshalb eine Spendenkampagne gestartet, in der um Unterstützung gebeten wird. Als Dank winken viele kreative Goodies. Auch für Firmensponsoren ist etwas dabei!
Unter den Dankeschöns finden sich neben einem signierten Buch folgende Goodies: handgestrickte Socken, Siebdruck eines Walsertalpanoramas, Exklusivevent am vorarlberg museum, Begehung des Schauplatzes in Sonntag/Stein, bestickte Gästetücher, genähtes Babyset, 3D-Viergewinntspiele aus Vollholz, gehäkelte Glückswürmchen, gestrickte Babydecke, Teelichthalter aus Holz, kunstvoll gestaltete Karten für viele Anlässe, Sketch-Aufführungen der Theatergruppe Nenzing für Firmenevents.
Mehr Infos finden Sie unter https://mit.einander.at/delphina.
Wer direkt überweisen möchte:
Empfänger: Respekt.net GmbH
IBAN: AT60 3200 0001 1104 3536
Verwendungszweck: Delphina 2780 [plus eigene Emailadresse, um informiert zu werden]
Quellen:
[1] Brigitte Kompatscher, Die NEUE, 26.2.2024.
[2] Dorfarchivar der Gemeinde Nenzing, wo Delphina ihre zweite Lebenshälfte verbrachte.
[3] Delphina Burtscher, Meine Lebensgeschichte, hrsg. v. Thomas Gamon und Markus Barnay, 2015 [2005], 4. überarb. u. erw. Aufl.
[4] Siehe auch das ORF-Fernsehinterview mit ihr vom 29.07.2006 (https://tvthek.orf.at/history/Geschichte/10963486/Delphina-Burtscher-Geschichte-voller-Tragik/11447106)
[5] Peter Pirker; Ingrid Böhler (Hrsg.), Flucht vor dem Krieg, 2023, UVK.
[6] Siehe auch den am 26.11.2025 ausgestrahlten Beitrag in Vorarlberg Heute (https://on.orf.at/video/14301369/15988831/graphic-novel-ueber-delphina-burtscher)